ACAT - Deutschland

Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter - Action des Chrétiens pour l’Abolition de la Torture

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Politisches Nachtgebet beim Evangelischen Kirchentag, gestaltet von ACAT und Amnesty International mit Predigt vom Ratspräsidenten der Evangelischen Kirche in Deutschland, Herrn Bischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm

 

Ansprache zum Politischen Nachtgebet am Freitag, 5. Juni 2015 in Bad Canstatt

Liebe Schwestern und Brüder,

„Sinti, Roma, Minderheiten – sei solidarisch“ – lautet die Überschrift über unserem heutigen Abend. Und der Geist der Solidarität ist an diesem Abend deutlich zu spüren. Wir haben von Emrin Elmazi über die Situation von Sinti und Roma gehört. Und vielleicht ist das an einem Abend wie dem heutigen das Wichtigste: dass wir einfach zuhören. Hören von einer Gruppe unserer Bevölkerung, über die so viel aus zweiter Hand geschrieben oder geredet wird, über die so viele Vorurteile verbreitet werden, dass das Hinhören auf das, was Sinti und Roma selbst sagen, das Allerwichtigste ist.

Das „Einträchtig-Beieinander-Wohnen“, von dem Ps 133 spricht, heißt zu allerst, sich wechselseitig zu sehen, sich wahrzunehmen, die Verletzlichkeit des anderen zu sehen und darin die eigene Verletzlichkeit wahrzunehmen.

Dass sich so viele Menschen in Deutschland gegenwärtig für Flüchtlinge engagieren, hat vermutlich genau damit zu tun: Dass wir uns so gut in Menschen hineinversetzen können, die alles verloren haben oder die sich aus Verzweiflung auf den Weg machen, weil sie einfach keine Perspektive in ihrem Land mehr haben. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass wir gegenwärtig ein Klima der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge in der Bevölkerung hier haben, das so noch nie da war. Und besonders berührend ist es, wenn alte Menschen sich engagieren, die sich noch daran erinnern, wie sie selbst in ihrer Kindheit als Heimatvertriebene aus den Ostgebieten in Westdeutschland ankamen und neben viel Ablehnung auch die Hilfsbereitschaft der Einheimischen erlebt haben.

Vielleicht hat aber auch das kontinuierliche Eintreten der Kirchen und vieler Organisationen wie amnesty international für eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen dazu beigetragen, dass wir inzwischen so etwas wie eine sozialkulturelle und zivilgesellschaftliche Infrastruktur entwickelt haben, auf die zurückgegriffen werden kann, wenn wir vor besonderen humanitären Herausforderungen stehen.

Auch die Tradition der Politischen Nachtgebete auf den Kirchentagen mag dazu ihren kleinen Beitrag geleistet haben. Diese Nachtgebete bringen seit bald fünf Jahrzehnten in einer bestimmten gewachsenen Form zum Ausdruck, dass Spiritualität oder - wie ich gerne ganz traditionell sage – Frömmigkeit auf der einen Seite und politisches Engagement auf der anderen Seite nie auseinandergerissen werden dürfen.

Es gibt wahrscheinlich wenige Themen, bei denen der Zusammenhang zwischen persönlichem Hilfshandeln und politischem Engagement so offensichtlich ist wie beim Thema Flüchtlinge. Viele Menschen haben gerade bei ihrem Engagement für Flüchtlinge genau diese Erfahrung gemacht. Dass sie einfach aktiv geworden sind, weil sie sich innerlich haben anrühren lassen von dem Leid sehr konkreter Menschen. Dass sie im Fernsehen Bilder gesehen haben von durch Krieg zerstörten Häusern oder von Menschen, die Ziel von Hass und Gewalt sind. Und dass sie sich dann entschlossen haben zu helfen, wenn diese Menschen hier bei uns ankommen in der Hoffnung endlich sicher zu sein vor Anfeindung und Gewalt.

Dann lernen sie die konkreten Schicksale kennen. Dann hören sie – wenn sie nicht schon Bescheid wissen - von der Dublin-Regelung, nach der ein Mensch in dem Land Asyl beantragen muss, in dem er in Europa angekommen ist. Und sie haben vielleicht einen Menschen vor sich, der nach der Dublin-Regelung nach Bulgarien abgeschoben werden soll. Und hören davon, wie Flüchtlinge dort im Gefängnis festgehalten werden und ihnen eine menschenwürdige Behandlung vorenthalten wird.

Sie hören, dass die Behörden den Auftrag haben, trotzdem dorthin abzuschieben. Kein Beamter der Ausländerbehörde, der den Auftrag zur Abschiebung bekommen hat, kann das persönlich ändern. Nur politische Vorgaben können das ändern. Und spätestens jetzt wird klar, dass jemand, der aus seinem christlichen Glauben heraus dem Gebot der Nächstenliebe und der Verpflichtung zum Schutz des „Fremdlings“ zu folgen versucht, gar nicht anders kann als politisch zu werden. Wenn die Frage, ob die Not bedrängter Menschen überwunden werden kann, von politischen Weichenstellungen abhängt, dann können wir gar nicht anders als das auf unsere persönliche Frömmigkeit gegründete Hilfshandeln in politisches Engagement münden zu lassen. Denn nur so können wir wirksam helfen. Die individuelle und die politisch-strukturelle Ebene unseres Handelns sind so untrennbar miteinander verbunden, dass niemand sie auseinanderreißen kann.

Auch die persönliche Seite zu sehen, ist wichtig. Gerade wenn es um Solidarität mit Sinti und Roma geht, wird das sehr deutlich. Wenn ich sage, dass das Wichtigste zunächst das Wahrnehmen ist, dann heißt das, dass wir Sinti und Roma eben nicht nur oder zuallererst über die politischen Diskussionen wahrnehmen, die unter diesem Stichwort öffentlich geführt werden. Wer in diesen Diskussionen Position beziehen will, muss sich zunächst einmal klar machen, dass viele Sinti und Roma völlig unspektakulär als ganz „normale“ Bürger unseres Landes unter uns leben und vollkommen integriert sind. Sie definieren sich nicht zuerst von ihrer Volksgruppe her, sondern wie jeder andere sind sie Eltern, die ihre Kinder möglichst gut zu erziehen versuchen. Sie sind Bewohner ihrer Stadt und wünschen sich Kindergärten, gute Schulen, Arbeitsplätze, an denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen können, und bezahlbare Wohnungen. Sie sind Fußballfans, die, wenn sie in Wolfsburg oder Hamburg wohnen, in dieser Woche im 7. Himmel sind, und wenn sie aus Dortmund oder Karlsruhe kommen, ihre Depression überwinden müssen. Und sie sind Staatsbürger, die sich bei Wahlen überlegen, welche Partei sie wählen sollen.

Sinti und Roma sind nicht Problemfälle, sondern sie sind eingewanderte oder seit langem hier ansässige Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Bei den meisten, die unter uns leben, merkt niemand, welcher Volksgruppe sie angehören, und das ist auch gut so, weil es nichts zur Sache tut. Wir können nur dankbar dafür sein, wenn sich nach einer jahrhundertelangen Verfolgungsgeschichte Normalität ausbreitet. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden eine halbe Million Roma von den Nazis systematisch ermordet. Der Grund dafür war, dass Menschen, die vor allem einfach nur Menschen sind, auf das Merkmal ihrer Volksgruppenzugehörigkeit reduziert und aus dem Kreis derer, die ein Lebensrecht haben, einfach aussortiert wurden. So etwas darf nie wieder passieren. Und deswegen gilt es bei beidem wachsam zu sein: Natürlich dann, wenn irgendeine Volksgruppe diskriminiert wird oder am Ende sogar in ihrer grundlegenden Daseinsberechtigung in Frage gestellt wird. Aber eben auch schon dann, wenn Menschen einfach auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe reduziert werden.

Wenn heute auch Roma zu den Menschen gehören, die nach Deutschland kommen, um Asyl zu suchen, dann muss deswegen klar sein, dass sie zuallererst eben als Asylsuchende hierher kommen, die Anspruch auf ein entsprechendes Verfahren haben, und nicht zuerst als Roma. Dass es in manchen deutschen Großstädten bestimmte Brennpunkte gibt, an denen unhaltbare Zustände entstanden sind, dass die Asylanerkennungsquote extrem gering ist, drängt viel zu oft zur Seite, dass es reale Gründe gibt, aus denen sich Roma aus ihren Herkunftsländern aufmachen und hierher kommen. Es hat vor allem damit zu tun, dass trotz aller Beteuerungen der europäischen Politik an der Situation ihrer Diskriminierung in vielen Ländern Südosteuropas nichts geändert hat. Wieviel Handlungsbedarf da besteht, kann man sich an dem großen Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit klarmachen. 2011 hatte die Europäische Kommission einen neuen Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020 beschlossen. Verbessert werden sollen v.a. der Zugang zu Bildung, zu Beschäftigung, Gesundheitsfürsorge, sowie der Zugang zu Wohnraum und grundlegender Versorgung. Davon ist kaum etwas umgesetzt worden.

Auch beim Diskriminierungsschutz hinken wir in Europa den eigenen Ansprüchen weiter hinterher. Und die alltäglichen Erfahrungen von Rassismus und Ausgrenzung, wie sie immer wieder berichtet werden, verstärken den Eindruck: Die letzte Dekade der EU zur Unterstützung der Roma hat kaum etwas verbessert. Finanzielle Mittel aus den entsprechenden Fonds der EU erreichten die Roma in manchen Staaten Osteuropas so gut wie gar nicht. Nicht zuletzt so genannte „Factfinding“-Reisen von Diakonie und anderen kirchlichen Gruppen haben gezeigt, dass mancherorts die Diskriminierung und Ausgrenzung von Roma in der Summe derartige Züge annehmen kann, dass von einer Verfolgung im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention gesprochen werden kann. Daher muss hier genau geprüft werden, was Schutzsuchende vorbringen – unabhängig davon, ob sie aus Serbien oder Syrien kommen. Es darf jedenfalls nicht dazu kommen, dass wir unterscheiden in Flüchtlinge erster und zweiter Klasse. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass sein Fall geprüft wird!

Ob es um die Verbesserung der Lebenssituation in den Herkunftsländern geht oder um Lebensmöglichkeiten hier – das Wichtigste ist, dass Sinti und Roma in unseren Köpfen und Herzen von der Problemgruppe zum Aktivposten für unsere Gesellschaften werden. Gerade die Kirchen können ein Raum sein, in dem hier Akzente gesetzt werden. Sie können als Foren dienen für die (Wieder-) Entdeckung von Roma-Kultur und -Geschichte, ja als Begegnungsräume zwischen Roma und anderen Bevölkerungsgruppen. Sie können mithelfen, dass der Reichtum der Kultur der Sinti und Roma sichtbar gemacht wird und sie nicht immer nur als Opfer öffentlich sichtbar werden. Ein wunderbares Beispiel dafür steht bei mir zu Hause im Bücherregal. Ich habe es bei meinem Besuch unserer ungarischen lutherischen Partnerkirche geschenkt bekommen. 550 Seiten „Gypsy Painting“ – wunderbare Bilder von Malerinnen und Malern aus der Roma-Kultur, die die Herausgeber in 25 Jahren überall in Ungarn entdeckt haben.

Sie machen Lust, das mit Leben zu füllen, was der Psalm 133 uns als Vision mit auf den Weg gibt. Ich lese ihn noch einmal n der Luther-Übersetzung:

„Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Es ist wie das feine Salböl auf dem Haupte Aarons, / das herabfließt in seinen Bart, das herabfließt zum Saum seines Kleides, wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zions! Denn dort verheißt der HERR den Segen und Leben bis in Ewigkeit.“

Damit das auch im Zusammenleben mit Sinti und Roma wahr wird, sind wir heute Abend zusammen. Darum beten wir. Und wir erfahren es schon jetzt miteinander. Dass Gott uns so als Brüder und Schwestern zusammenführt, dafür loben und preisen wir ihn.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN

 


 

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Trauer um Magdalena Marx

 Uns erreichte die traurige Nachricht, dass die Gründungsvorsitzende der ACAT Deutschland, Magdalena Marx, am Sonntag, dem 28. Juni 2020, verstorben ist.

Mit ihrem Tod verlieren wir eine Persönlichkeit, die unseren Verein vom Beginn bis heute geprägt hat.
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Herbst-Tagung

"Christliches Menschenrechtsengagement im digitalen Zeitalter"

Tagung mit ACAT Deutschland e.V. in der Katholischen Akademie Schwerte vom 25.- 27. September 2020. (weiterlesen)


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Nächtliche Gebetswache für Folteropfer 25./26. Juni

Informationen zur internationalen Kampagne: hier.

Einen exemplarischen Ablaufplan für die Nächtliche Gebetswache, erstellt von der Essener Gruppe, finden sie hier.