ACAT - Deutschland

Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter - Action des Chrétiens pour l’Abolition de la Torture

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Ein Gespür für die Unterdrückten

Zwischen zwei verfeindeten Nationen Frankreich und Deutschland aufzuwachsen, hat Magdalena Marx‘ Blick für das Unrecht in der Welt geschärft. In den achtziger Jahren gründet sie eine ökumenische Menschenrechtsorganisation, die sich seither für die Unterdrückten einsetzt.


Auf dem Klingelschild an der Tür ihrer Wohnung in Lüdinghausen steht M. Marx. Eigentlich sollte dieses M. für Mirjam stehen, doch mit einem so eindeutig jüdischen Vornamen aufzuwachsen, war in den 30er-Jahren in Deutschland undenkbar. So nannten sie ihre Eltern Magdalena. Dass dieser Vorname ebenfalls aus dem Hebräischen stammt, war nicht so offensichtlich. Als ihre Mutter ihr das alles erzählte, war sie empört – und empfand Solidarität mit dem Namen, den sie nicht tragen konnte. Deshalb lehnte sie es ab, Magdalena zu heißen „Ich wollte dem Namen etwas antun“, erzählt die schmale, weißhaarige Frau heute – und veränderte ihn deshalb. Über vierzig Jahre ließ sie sich nicht Magdalena, sondern Magdalene rufen, bis sie endlich Frieden mit der eigenen Geschichte gefunden und ihren offiziellen Namen akzeptiert hat.

Ein schwerer Start

Als Tochter einer katholischen Französin und eines protestantischen Deutschen wurde Magdalena im April 1933 im nordfranzösischen Lille geboren. Aus den Erzählungen ihrer Mutter schloss sie später, dass es ein holpriger Start ins Leben war. Zum Sterben wurde sie beiseitegelegt – sie würde doch nicht durchkommen, so die Meinung der Ärzte. Ihre Mutter glaubte, dass es auch eine Rolle gespielt habe, dass sie die Tochter eines Deutschen war.
Magdalena war noch keine zwei Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester und der Mutter nach Deutschland kam. In Augsburg lebten sie in der Nähe der Großeltern. 1936 zogen sie zum Vater nach Münster, der dort an der Universität arbeitete. „Das ist die einzige Zeit, in der meine Eltern zusammengelebt haben.“ Vier Jahre lebten sie gemeinsam als Familie in Münster, bis ein Blindgänger in den Garten fiel. Zwar wurde niemand verletzt, aber die Familie mit inzwischen drei kleinen Mädchen musste die Wohnung sofort verlassen. Als Flüchtlingskinder wurden Magdalena und ihre Schwestern in Augsburg bei Gastfamilien untergebracht, während die Eltern in Münster blieben. Schließlich verließ auch die Mutter Münster und suchte mit ihren Töchtern Zuflucht im Allgäu. Dort warteten sie in einem abgelegenen Häuschen, das einem Bildhauer gehörte, auf das Ende des Krieges. „Das war gar keine einfache Zeit“, berichtet Magdalena. Das Gebiet wurde schließlich französische Besatzungszone. Doch die Besatzer kannten wenig Mitgefühl. „Mit elf Jahren sollte ich für einen französischen Soldaten eine unserer Enten fangen. Ich versuchte den Vogel zu locken, doch das dauerte ihm zu lang, da hat er zwischen meinen laufenden Beinen hindurch auf die Ente geschossen. Ich erinnere mich, wie er sie dann noch mit dem Kopf gegen die Tür seines Autos schlug und in den Wagen schmiss.“

„Sich wirklich zu kümmern war neu“

Die Feindschaft der Länder, in denen Magdalena aufgewachsen ist, hat mitbestimmt, wie ihr Leben begann und wie es weiterging. „Ich habe gelernt, dass das KZ in Dachau in meinem Geburtsjahr gegründet worden ist. Und das Konzentrationslager Bergen Belsen ist an meinem zwölften Geburtstag befreit worden.“ Die Verflechtungen ihres Lebens mit den Vorkommnissen ihrer Zeit hielten sie wach für das Unrecht in der Welt. „Ich würde sagen, wenn ich nichts getan hätte zu Zeiten in denen alles besser war für mich, wäre das ein dicker Rucksack geworden. So bin ich selber frei geblieben.“
Lange denkt sie darüber nach, bei Amnesty International mitzuarbeiten. Doch neben dem schlechten Ruf, welcher der Menschenrechtsorganisation in den achtziger Jahren vorauseilt, vermisst Marx hier vor allem den christlichen Auftrag der Nächstenliebe. „Wir Christen sind doch die berufenen Menschenrechtler“, das ist ihr schon immer klar. Einige Jahre vergehen, schließlich engagierte sich Magdalena Marx in der Gruppe für „Mission, Entwicklung und Frieden“ in ihrer katholischen Kirchengemeinde in Nordkirchen, nördlich von Dortmund.
Eines Tages wirft ein junger Student eine Karte auf den Tisch, auf der man für die Freilassung des südafrikanischen Bürgerrechtlers Nelson Mandela unterschreiben kann. Er fragt: „Leute, ist das nicht was für uns?“ Betretenes Schweigen füllt den Raum – über den kirchlichen Tellerrand waren ihre Aktionen bisher nicht hinausgegangen. „Wir hatten Erbsensuppe verkauft und Spenden gesammelt. Aber das war etwas Politisches. Sich wirklich zu kümmern, außerhalb der eigenen Mauern hatte etwas Beängstigendes.“ „Gehen uns als Christen die Gefangenen denn etwas an?“ fragt Magdalena in die Runde. „Keiner konnte nein sagen, denn als regelmäßige Kirchgänger kannten sie alle die Worte, die Paulus im Hebräerbrief 13,3 schrieb: Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, als müsstet ihr ebenso leiden wie sie.“

Kein Angebot in Deutschland

So entsteht die Idee, sich einer Menschenrechtsorganisation anzuschließen, in der sich Christen aufgrund ihres Glaubens für Gefangene einsetzen. Wo, wenn nicht in Deutschland müsste es so etwas geben, nach den Schreckensjahren des Nationalsozialismus. Zu ihrem Erstaunen gibt es sie nicht. Über einen Freund in Frankreich gerät sie schließlich an die „Action des Chrétiens pour l’Abolition de la Torture“ (Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter), kurz ACAT. Hier setzen sich Christen in Gebet und Aktion für Gefangene ein, unabhängig von ihrer Weltanschauung. Im Glauben, dass Folter und Erniedrigung eines jeden Menschen gegen Gottes Willen verstoßen.
1984 wird die deutsche Gruppe der französischen ACAT gegründet, mit Magdalena Marx als Sprecherin. Da alle Informationen aus Frankreich kommen, muss sie die Übersetzungsarbeit leisten, obwohl sie ihre Muttersprache längst nicht mehr fließend spricht. Einmal im Monat bekommen die Mitglieder der ACAT einen Brief. „Ich habe übersetzt, dann haben wir die Briefe kopiert und hunderte Blätter per Hand gefaltet.“ Darin gibt es die Möglichkeit, für die Freilassung eines Gefangenen zu unterschreiben, sowie Informationen darüber, was bereits erwirkt worden ist.

Einsatz für die Unterdrückten

„Wir haben Ansprechpartner in vielen Ländern. Wenn ein Schicksal an uns herangetragen wird, dann prüfen wir das juristisch. Heute werden oft Menschen eingesperrt, die in ihrem Land Aufbauhilfe leisten. Sie sorgen dafür, dass Kinder in die Schule gehen können oder leisten Gesundheitshilfe. Wir versuchen dann eine Freilassung zu bewirken durch die vielen Briefe, die bei den Regierungen und Behörden ankommen.“ Ein weiterer Baustein ist das Gebet. Durch den monatlichen Rundbrief sollen die Anliegen in die Fürbitten der Gottesdienste gelangen. „Ich wünsche mir, dass sich die Gefangenen in ihrer Situation begleitet fühlen und innere Kraft bekommen.“ Über 311 Inhaftierte, für die sich die ACAT, neben anderen Organisationen eingesetzt hat, konnten auf diese Weise allein zwischen 2012 und 2017 aus ihrer unmenschlichen Haft befreit werden.
Das Engagement der Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter beschränkt sich dabei nicht nur auf Christen. „Es ist ganz gleich, ob jemand Christ ist oder nicht. Der Mensch ist durch die Weisheit Gottes ins Leben gekommen und hat eine Würde, die nicht untergraben werden darf.“ Ein Gespür für die Unterdrückten hat es von Beginn an gegeben, da viele Engagierte selbst aus Schlesien geflüchtet waren. Auch konfessionelle Unterschiede sollten bei ihrem Einsatz keine Rolle spielen. Die ACAT, betont Magdalena Marx, ist immer schon ökumenisch gewesen. Das war damals revolutionär. Aus ihrer Familiengeschichte weiß sie, dass auch tiefe konfessionelle Gräben überwunden werden können. „Ich erlebte als Schulkind den Religionshass zwischen Katholiken und Protestanten. Da ich zwei konfessionsverschiedene, liebe Großmütter aus den zwei Erbfeind-Ländern Frankreich und Deutschland hatte, habe ich immer gedacht: Irgendetwas stimmt da nicht.“

Ein wunderbarer Wegweiser

Fragt man Magdalena Marx nach ihren Vorbildern, schaut sie nur ungläubig über den Rand ihrer Brille. „Wir als Christen haben doch einen wunderbaren Wegweiser, mehr brauche ich nicht. Ich will nicht werden wie ein anderer.“ Ihr Vertrauen auf Gott lässt sie gelassen auf die aktuellen politischen Entwicklungen blicken. „Heute kann man ja meinen, Unrecht und Unterdrückung gehen wieder von vorne los“, bedauert Magdalena. „Aber ich sehe so viele gute Sachen. So viele positive Dinge, von denen praktisch so wenig gesprochen wird. Immer wieder habe ich bei der Begegnung mit Folteropfern in aller Welt wahre Vergebung erlebt.“ Diese Erlebnisse geben ihr Mut weiterzumachen. „Und ich weiß, man braucht eine Menge Mut, um unterwegs zu sein. Mein Anliegen ist, mich so lange für Gerechtigkeit einzusetzen, wie es geht.“

Der jungen Generation das Ruder zu überlassen, fällt ihr trotzdem nicht schwer: „Ich gehöre zur Generation, die abtritt, keine Frage.“ Dann deutet sie auf einen aktuellen Flyer der ACAT-Deutschland: Den hätte sie ganz anders gemacht. „Irgendwie schöner.“ Aber sie versteht, was damit angeregt werden soll. „Man muss auch loslassen können. Ich wünsche mir von jungen Christen, dass sie nicht rennen. Dass sie das Vertrauen haben, dass sie auf einem festen Grund stehen und gehalten werden. Und aus diesem Vertrauen heraus mitarbeiten und sich mit ihren Möglichkeiten in dieser Welt einbringen. Denn Krieg wird durch Menschen gemacht und Krieg muss auch durch Menschen beendet werden.“



Infokasten:

ACAT: Ein Verein und seine Geschichte
1974 entsteht die ACAT in Frankreich unter dem Namen „Action des Chrétiens pour l’Abolition de la Torture” (Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter). In Deutschland folgt die Gründung im Jahr 1984. Als ökumenische Menschenrechtsvereinigung engagieren sich seitdem Christen gemeinsam gegen Folter und Todesstrafe. Auf der Grundlage des Evangeliums ergreift ACAT Partei für verfolgte und gequälte Menschen in Gebet und Aktion. Mit ihren Protestbriefen wollen die Mitglieder eine Öffentlichkeit schaffen und so an der Befreiung von Gefangenen und an der Verbesserung der Notlage bedrohter Menschen mitwirken.
Weitere Informationen unter: www.acat-deutschland.de

 

„Dieser Artikel erschien zuerst in LebensLauf Ausgabe 3/2018, SCM Bundes-Verlag gGmbH Witten.“

Autorin & Bildnachweis Julia Kallauch
ACAT Deutschland e. V. dankt dem Bundes-Verlag gGmbH und Frau Julia Kallauch für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

 

 


Denkt an die Gefangenen,
als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt.
Denkt an die Misshandelten,
als müsstet ihr ebenso leiden wie sie.

Hebr. 13,3

Was Sie tun können

 

gebetswache2015
gebetswache web

Nächtliche Gebetswache für Folteropfer

Die ACAT-Gruppe auf der Ruhrhalbinsel hält die Gebetswache seit Jahren in 2 Kirchen (kath. und evang.) und geht zu Fuß von der einen zur anderen. Deshalb teilt sie das Thema in 2 Teile auf, betet in jeder Kirche für 5 der 10 Folteropfer und lässt jeweils einen Unterstützerbrief schreiben. Nutzen Sie den angehängten Ablauf gern auch für Ihren Gottesdienst / Ihr Gebet.
 
Weitere Informationen hier.

Erfahrungen Ruhrhalbinsel Essen hier lesen


Ein Gespür für die Unterdrückten

Die Zeitschrift "Lebenslauf" (Bundesverlag, Witten) hat den bisherigen Lebensweg von
Magdalena Marx, der sehr eng mit dem Weg der ACAT Deutschland verknüpft ist, in einem eindruckvollen Artikel nachgezeichnet.


Filmhinweis
"Exodus - Der weite Weg"
Filmtipp

Der Film beschreibt die globale Dimension des Flüchtlings- und Migrationsthemas durch die Perspektiven der porträtierten Menschen aus vier Kontinenten über einen Zeitraum von zwei Jahren.
Ende März / Anfang April in ausgewählten Kinos.

Spielplan und Trailer: hier

 

Menschenrechte auf dem Rückzug

Bei der Tagung der Katholischen Akademie Schwerte in Zusammenarbeit mit der ACAT Deutschland (14. - 16.09.2018) wird das Thema Menschenrechte in Zeiten von Populismus und Extremismus beleuchtet. Einzelheiten des Programms entnehmen Sie bitte dem angehängten Flyer.
Anmeldung direkt bei der Katholischen Akademie Schwerte hier.


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